Verzaubert
Der Wind nimmt mich mit, ich muss ihn nicht einmal darum bitten. Er zieht und zerrt an mir und nach wenigen Minuten sind meine Wangen rot von der Kälte und meine Haare lösen sich aus dem Zopf.
Die Strassen sind leer, die Geschäfter geschlossen. Den Menschen ist es zu kalt draussen.
Ich spüre meine Fingerspitzen nicht mehr.
Verzaubert, sagen die Leute in der Stadt, der Schnee habe alles verzaubert und manchmal gehen sie abends mit ihren dick eingemummten Kindern in den Park, wo die von der Stadtverwaltung Lichter aufgehängt haben und dann kaufen sie Bratäpfel und staunen und tun so, als ob die Welt heil wäre.
Der Wind weht stärker und ich gehe schneller, achte mich nicht auf die Strassen, die Fassaden der Häuser, die streunenden Katzen.
Ich lasse mich gerne mitziehen.
Eine Schneeflocke hat sich in meinen Wimpern verfangen und als sie schmilzt, verschwimmt die Welt für einen Moment ein bisschen.
Die Leute brauchen Bratäpfel und Lichter zu Weihnachten und sie eilen im Tempo, das ihnen von allen anderen vorgegeben wird, von den Geschäftern, die morgens öffnen und abends schliessen, von den Verwandten, die erwarten, dass man sie besucht.
Ich eile mit dem Wind. Das ist mein Weihnachten, seit Vater tot ist. Seit ich vor Mutters Schmerz in die Stadt geflüchtet bin.
Ich lasse mich treiben, ich habe keine Angst vor der Kälte und der Winter löscht das Jahr aus meinem Kopf.
Ich brauche die Lichter im Park nicht, weil ich weiss, dass wir das Licht in uns selber suchen müssen. Das Licht meiner Mutter ist erloschen und ich suche die Dunkelheit, brauche sie, brauche Abende wie diesen um meines zu finden.
Aber es ist da.
Es wiederzufinden bedeuted Weihnachten.
Als ich stehen bleibe, merke ich wie meine Füsse gefühllos geworden sind. Ich bin lange gelaufen. Ich lächle. Verzaubert, denke ich und drehe um. Ich finde immer den Weg nach Hause.