Spuren im Sand
Sie zog die Zehen an, als die ersten kühlen Wellen an ihre Füsse schwappten und erschauderte. Trotzdem ging sie nach einem kurzen Moment des Innehaltens noch ein paar Schritte weiter ins Meer hinein, bis das klare Wasser ihre Knöchel umspülte.
Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen. In zwei Stunden würde sie in ihrem Büro sitzen und anfangen zu arbeiten. Die Armbanduhr hatte sie trotzdem in die Tasche gesteckt. Sie wollte der Zeit davonlaufen.
Der Strand sah verlassen aus, grau.
So weit sie blicken konnte, war niemand zu sehen. Ein bisschen einsam kam sie sich vor, aber das machte nichts. Langsam setzte sie Fuss vor Fuss in den nassen Sand, fast bedächtig. Nachmittags würden spielende Kinder ihre Spuren auslöschen. Oder das Meer. Der Wind erfasste sie auf einmal mit voller Wucht. Sie war nicht vorbereitet darauf, die unwillkürliche Kraft liess sie stehen bleiben, innehalten
Und dann lachte sie. Mit einer schnellen Bewegung befreite sie ihre Haare aus dem grauen Zopfband. Sie waren kaum lang genug um richtig zu flattern, aber der Wind spielte trotzdem mit den halblangen braunen Locken, warf sie ihr ins Gesicht und wirbelte sie um ihren Kopf herum.
Sie lachte noch immer.
Es war ein Dienstagmorgen, als sie das erste Mal auf seine Spuren traf. Irgendwie wusste sie, dass es die Spuren eines Mannes sein mussten, sie war sich ganz sicher. Es war ein seltsames Gefühl zu sehen, wie die beiden gegangenen Wege zueinander, in die gleiche Richtung führten.
Ratlos blieb sie stehen.
Wie ein kleines Kind kam sie sich vor, wie sie da stand und die Spur musterte. Nicht wusste, was sie denken sollte. Nicht wusste, ob es ihr gefiel, diese Einsamkeit zu teilen.
Vorsichtig setzte sie ihren Fuss in die fremde Spur. Inmitten der grossen Fussabdrücke hinterliessen ihre Zehen die Spuren eines zweiten Menschen.
Langsam ging sie weiter auf seinem Weg, der ja auch ihrer war, schon immer gewesen war und fragte sich, wem sie begegnen würde, wenn sie am Ende des Weges ankam.
Sie fand niemanden. Mehr als eine Woche ging sie jeden Morgen seinen Spuren nach, die er so dreist in den taufeuchten Sand setzte, mehr als eine Woche blieb alles so, wie es war und war doch ganz anders.
Sie erinnerte sich nicht genau, wann sich alles veränderte. Wann der Wind plötzlich entschied, sein Lied zu wechseln, seinen Tanz zu teilen.
War es Sommer oder Frühling? Vielleicht sogar Winter?
Es musste Sommer gewesen sein, denn sie konnte sich nicht erinnern, je gefroren zu haben.
Aber was bedeutete das schon? Damals war alles anders, alles seltsam, alles neu.
Der Tag, an dem sein Weg nicht auf sie wartete, war ein Freitag.
Verwirrt ging sie ihren eigenen Weg, wie sie es immer getan hatte und setzte sich in die kleine Bucht. Kaum einen Gedanken verlor sie an die graue Leinenhose, die sie trug und an der nun der nasse Sand des Bodens klebte.
Während sie sass und auf das Meer hinausschaute, flogen ihre Gedanken mit dem Wind, der sie überall hinzutragen schien, nur nicht zu dem fremden Weg, den sie zu ihrem eigenen gemacht hatte.
Sie hörte seine Schritte erst, als nur noch wenige Meter zwischen ihnen lagen.
Als sie in sein Gesicht sah, wusste sie, wer er war.
Hallo Windsbraut., sagte er mit einer ruhigen, angenehmen Stimme und das war so verrückt und seltsam, dass sie wusste, er war wie sie.
Hallo Barfuss-Mann., antwortete sie also und lächelte. Er setzte sich neben sie und sie sahen zusammen aufs Meer hinaus.
Es wird regnen., sagte sie.
Ich habe gewusst, dass wir uns einmal treffen würden., sagte er. Ich bin Bo., fügte er dann hinzu.
Bo, der Barfuss-Mann., stellte sie fest. Das passt. Ich bin Nina.
Nina, die Windsbraut. Das passt auch., antwortete er.
Sie fanden sich an den meisten Tagen. Manchmal wartete Bo schon in der Bucht, manchmal war sie zuerst da. Sie gingen nie gemeinsam. Sie sprachen nie über ihre Gründe.
Überhaupt fragte sie sich abends, oder während der Arbeit manchmal, worüber sie eigentlich sprachen. Sie wusste nicht, wer Bo war, wo er wohnte, was er arbeitete.
Aber sie wusste, wie er war, wie es in ihm aussah.
Graue Schleierwolken zogen über die aufgehende Sonne, die den Strand in verschwommenes, vanillefarbenes Licht tauchte.
Etwas war verändert. Der Wind war still.
Bos Spuren waren da, aber die Bucht war leer.
Dort, wo sie normalerweise sassen, wartete ein Auf Wiedersehen auf sie. Aus Steinen gelegt.
An einem Stein war ein Zettel fest gebunden.
Deine Spuren in mir. Musste weiter. Vergiss mich nicht, Windsbraut. Bo.
Sie steckte den Zettel ein und ging zur Arbeit.
Die Windsbraut liess sie zurück.
Vielleicht wusste sie deshalb Jahre später auf dem Flughafen nicht, warum ihr der Mann mit den dunklen Haaren und den Knopfaugen so bekannt vorkam. Nur der Wind konnte sich an alles erinnern, denn er war ohne Alter, er merkte sich alle Spuren, die den Sand je zierten und er erzählte seine Geschichten der Welt. Nur hatten leider sehr wenige ein Ohr dafür.
ich hab mich so entführt gefühlt. an diesen Ort. an den Strand mit all den vielen körnigen Sandkörnern, die ich unter meinen Füßen fühlen kann, das Meer rauschen höre und der Wind mit meinen Haaren spielt.
Eine wundersam,einfühlsame und außergewöhnliche Kurzgeschichte,die ich wohl so schnell nicht mehr vergessen werde! Danke für die schönen Momente
wunderschön geschrieben. mir gefällt besonders der anfang.
& herzlichen dank auch für das liebe kommi & das lob (:
mein lächeln fliegt mit dem wind und ich hoffe es kommt bald irgendwo an.
ich glaube es ist frei und lässt sich nicht von mir zähmen.
ich glaube daran, dass die magie in jedem von uns steckt.
in jedem lächeln, jeder träne, jedem lied und jeder geschichte. aber niemand hat die macht, sie mit einem zauberstab fliessen zu lassen.
wir können nur funken austauschen, in blicken, in worten in berührungen.